Vorsicht vor virtuellen Wirtschaftsexperten

Solidarität zeigt man im Alltag, in dem man sich sprachlich dem anderen annähert. Wie redet man eigentlich „in der Wirtschaft“? Da müsste man schon Betriebserfahrung haben. Von den Verbandsmanagern oder den meist jungen wissenschaft-lichen Mitarbeitern der Abgeordneten ist da wenig zu erwarten. Auch in der Journalistenschule wird solche Betriebserfahrung nicht vermittelt. Die Präsentationscharts der Unternehmensberatungen bieten dafür keinen Ersatz. Trotzdem will aber doch beschrieben und besprochen, kommentiert und diskutiert werden, was in der Wirtschaft vorgeht. Und eine Regierung, eine frisch gewählte zumal, muss so oder so „wirtschaftliche Kompetenz“ beweisen, wenn sie vom Wählervolk ernst genommen werden will. 

Scheinbare Auswege aus diesem Dilemma bietet eine Dienst-leisterbranche, die sich selber als „Finanzindustrie“ bezeichnet. Sachkundigen gilt diese Art Industrie als „virtuelle Wirtschaft“, wobei eben auch zur Sachkunde gehört, die deutsche Bedeutung des Wortes „virtuell“ zu kennen: scheinbar, als ob, der Möglichkeit nach. In der Wirtschaftswirklichkeit ist die Finanzbranche neben den Institutionen des Rechts- oder des Verkehrswesens nur ein Teil der Infrastruktur. Ihr kultureller Verdienst ist es, eine leicht lernbare Zwecksprache hervorgebracht zu haben. Die erweckt den Eindruck, als könne man mit ihren Wörtern und Logismen „die“ Wirtschaft abbilden. So bietet sie einen hochwillkommenen Ausweg für all jene, denen die eigentliche, die reale Wirtschaft fremd geblieben ist.  

 

Bei genauerem Hinhören allerdings irritieren gewisse Wendungen und Metaphern, die ganz sicher nicht zum Wortschatz kleiner oder mittlerer Handwerks- und Handelsbetriebe gehören, die doch immerhin runde neunzig Prozent der deutschen Wirtschaft ausmachen. Das klingt dann in etwa so,  als berichte ein Futtermittelhändler über den Betrieb eines Milchbauern in der Ausdruckweise eines Kfz-Mechanikers. Die Milch selber kommt darin gar nicht erst vor, dafür aber der Stall als Werkstatt, das Ausmisten als Reinigung oder das Herdbuch als Ersatzteilliste.

 

Auffallend häufig trifft man in Wirtschaftsgesprächen auf Wörter aus Welt des Glücksspiels. Sie passen eigentlich nicht so recht zu all dem, was da in der realen Wirtschaft vor sich geht. Auf die Wörter „Arbeit“ und „Leistung“ kann ohnehin verzichten, wer Betriebsführung im Zocker-Rotwelsch  beschreibt

 

Er setzt auf Chancen, die Gewinn bringen oder eben auch Verlust. Nach mehreren Verlusten wird er eines Tages jammern, er brauche umgehend frisches Geld. Die schleppende Kreditvergabe sei demotivierend. Einer Kreditklemme oder gar einem Kreditengpass müsse man vorbeugen. Nur so könne man noch die Chance nutzen, Gewinne in die Kasse zu spülen. So spricht der windige Kassierer zu seinem Boss, wenn nächtens wegen knapper Bestände eine Verlegenheit droht. Das ist der Jargon des Kasino-Milieus Wem nützen denn solche Anleihen aus der Halbwelt? Sicher ist nur, dass der Anscheinenswirtschaftler mit derartiger Sprachmaskerade als Experte wahrgenommen werden möchte. Zocker werden sich davon angezogen fühlen wie von Ihresgleichen.  

 

Ein andere Art Wirtschaftsmimikry erklärt die Kapriolen der rain maker im Psycho-Jargon der Fürsorge. Wie ein echter Sozialtherapeut belehrt uns der leider mal wieder nur virtuelle Experte mit wichtiger Miene, die Wirtschaft reagiere psychologisch, nämlich mit Nervosität und Panik hier, mit Vertrauen und Disziplin dort. Die Stimmung sei entscheidend. Vertrauen sei unverzichtbar. Deswegen müsse man bei Kreditnot die Betroffenheiten der Anleger und ihre Klagen ernst nehmen, sonst komme Frustration auf und dann sogar Ärger. Im Übrigen gelte: Übertriebene Reaktionen spiegeln das Ausmaß des Problems. Auch der Psycho-Jargon kennt weder Arbeit noch Leistung – die Gefühligkeit menschlicher Regungen macht ihn aber sympathisch.

 

Anhand ihrer Wortwahl lässt sich die Herkunft der virtuellen Wirtschaftskenner unschwer identifizieren. Im Kasino-Milieu bedienen sich nämlich vorzugsweise solche Personen, die weder über praktische Betriebserfahrung noch über sichere Fachkenntnisse verfügen und dennoch als Funktionär oder Volksvertreter so etwas wie „Wirtschaftskompetenz“ zeigen müssen. Sozialtherapeutisches Vokabular dagegen bevorzugen eher die Insider der „Finanzindustrie“ selber -  typischerweise in Interviews und Talkrunden als erfolgreicher Chefvolkswirt oder erfolgreicher Vorstand einer erfolgreichen Bank. Natürlich sollte man sich weder von der einen noch von der anderen Seite realwirtschaftliche Aufklärung erwarten. Für die allerdings gibt  es derzeit gewaltigen Bedarf.
 
Die reale Wirtschaft nämlich, die in Deutschland dominiert, reagiert nicht immer nach Wunsch und Erwartung der „Experten“. Da sollte ja zum Beispiel dem US-Banken-Desaster ein Tsunami von Insolvenzen und Arbeitslosigkeit folgen. Tatsächlich gerieten aber nur diejenigen in Seenot, die sich allzu konsequent von der realen Wirtschaft abgekoppelt hatten. Erst deren Rettung mit spekulativen Steuermilliarden könnte jetzt einige der “Realos“ in Schwierigkeiten bringen. Und der Arbeits-markt? Er blieb sogar stabiler als saisonal sonst üblich ….   

 

Auch die eilig beschworene Kreditnot wollte sich weder sofort noch später einstellen. Der Kreditbedarf schien sogar noch abzunehmen. Laut Ifo-Feuermelder hatte aber die Zahl der Unternehmen zugenommen, die bei der Kreditbeschaffung „Probleme sehen“. 4.000 wurden befragt. Die Zahl der Problemseher hatte sich von Oktober auf November nur von 41,7 auf 42,9 Prozent und damit weit unter der Signifikanzgrenze bewegt. Da durfte sich aber dann doch das ganze Bundeskabinett über den Einfall freuen, einen amtlichen Mediator zu etablieren, der Kreditverweigerern auf die Sprünge helfen werde. Allein die bloße Berufung dieses Mediators wird jetzt endlich die behauptete Kreditnot glaubhaft machen.

 

Hier ist auch die  Beobachtungsgabe des frischgebackenen Finanzministers zu rühmen. Er gab zum Thema Mittelstand bekannt, Konsortialkredite in zwei- oder dreistelliger Millionenhöhe seien kaum noch zu bekommen. Unter diesen Mittelständlern würde man allerdings kaum Unternehmer antreffen. Denn die deutsche Förder-Routine lässt Jahr für Jahr reihenweise neue künstliche Mittelständler entstehen – längst sind ja viele Großunternehmen darauf verfallen, kleine, minimal ausgestattete Kapitalgesellschaften mit bis zu 250 Mitarbeitern ins Feld zu schicken. Diese neuen Mittelständler haben die vorrangige Aufgabe, Zugänge zu den Förderprogrammen zu schaffen. Wenn die sich dann auch noch zu Konsortien verbünden, kann es mit millionenschweren Krediten schon mal schwierig werden. Aber wer da den Mut verlöre, hätte sich in der Bundeskanzlerin verrechnet. Mit Banken und Gewerkschaften, mit dem Wirtschafts- wie dem Finanzminister weiß sie sich einig: Wer sich zum Mittelstand bekennt, der soll mit frischem Geld reichlich bedacht werden. Das wird die Stimmung heben und das Vertrauen stärken. Für den Aufschwung des Geschäftsklimas werden die Steuerzahler gern noch mal für weitere fünf oder zehn Milliarden garantieren.

 

Bei soviel Expertentum erinnert man sich fast wehmütig an den ehemaligen Superminister Karl Schiller. Eine kurzfristige Konjunkturschwäche entlockte ihm den sprichwörtlich gewordenen reiterlichen Seufzer „Man kann die Pferde zur Tränke führen -  saufen müssen sie schon selber!“ Seinen Nachfolgern allerdings erschien dieser Satz allzu kompliziert. Sinnwidrig berufen sich die Kreditstreuer auf den Großmeister und glauben sogar, ihn richtig zu zitieren: „Man muss die Pferde auch mal saufen lassen!“. Das werden die Pferde tun.

 

Es ist wirklich die Sprache, die den virtuellen Experten verrät. 

 

Dezember 2009 

© Sieber